Sophia Hoffmann

Urban Gardening – Mein Berliner Balkon

Besser Balkon als gar kein Garten. Seit ich vor 6 Jahren in eine Wohnung mit Balkon gezogen bin, kann ich mir ein Leben ohne Natur-Erweiterung zur Grundwohnfläche gar nicht mehr vorstellen. Ob als zum Hinterhof gelegene Ruheoase in der lauten Großstadt oder als kleine aber feine Produktionsstätte für Gemüse und Co. Denn regionaler geht’s gar nicht.

Eine Ode an den Balkon…

Ich hatte wirklich wenig Ahnung vom Gärtnern als ich nach meinem Einzug das erste Mal vor der Entscheidung stand etwas auf meinem neu ermieteten Balkon anzubauen. Ein paar Kräutertöpfe, hie und da mal eine Tomatenpflanze und mit viel Glück ein blühender Oleander, das waren meine Erfahrungswerte.

Voller Ehrfurcht blickte ich auf meine Mutter – die Frau, die mit einem grünen Daumen geboren schien und sich stets mit einem wahren Großstadtdschungel umgab. Die Pflanzenflüsterin, die ihren Passionsblumen zärtlichen Zuspruch gab noch bevor sie mir morgens das Pausenbrot schmierte. Die dem Kompost geweihte Grünlilien rettet und zu neuem Leben erweckt. Die Kräuterhexe, die Tees trocknet, Beerenernten einweckt und aus Holunder süßen Sirup kocht.

Eines Tages fragte ich sie:

„Mama, bitte verrate mir das Geheimnis deines grünen Daumens? Was machst du, dass alle so toll gedeiht bei dir?“

und sie sprach:

„Kind, kauf dir einfach einen ordentlichen Dünger, dann wird das schon!“.

Alleingelassen mit dieser nüchternen Ansage und ausgestattet mit feinstem veganen Pflanzendünger stürzte ich mich ins Vergnügen. Ich säte, zog eigene Tomatenpflanzen, geizte sie aus, kicherte dabei über diesen komischen Begriff, düngte und goss was das Zeug hielt.

Kaum hatte ich gesät, fielen gemeine Elstern und gelangweilte Tauben über mein Saatgut her und pickten es gierig aus den Blumenkästen. Ich baute Barrieren aus hölzernen Schaschlik-Spießen und erschreckte die Räuber mit einem unerwarteten „Buh!“.

Auch merkte ich schnell: Zu viel des Guten bringt genau gar nichts. So hatte ich die Pflanzen im ersten Jahr viel zu eng gesetzt und sie hatten gar keinen Platz sich auszubreiten. Vorsichtig grub ich zögerliche gedeihende violette Baby-Möhrchen aus der Erde um sie sachte in größere Kästen umzupflanzen.

Doch auch das Wetter machte mir so manchen Strich durch die Rechnung. Zwar ist mein Balkon sehr sonnig, aber leider auch fürchterlich windig. Und in diesem ersten Sommer gab es enorm viele Sommergewitter mit teilweise ordentlichen Böen. Langstielige Sonnenblumen an ungeschützten Ecken knickten so reihenweise ab noch bevor die Kerne bilden konnten.

Im zweiten Jahr pflanzte ich weniger und mit mehr Bedacht. Im Bioladen meines Vertrauens erwarb ich Kohlrabi-Pflanzen und erlebte bald mein blaues Großstadt-Wunder. Als erste Fruchtstände an den Stängeln sichtbar wurden, realisierte ich, dass ich bis dato geglaubt hatte, Kohlrabi würde IN der Erde wachsen. Als immer mehr großstädtisch geprägte Besucher meines Balkons ähnliches Erstaunen verlautbaren ließen, entgegnete ich mit wissendem Blick: „Ach, das hast du nicht gewusst?“

Im Jahr drei meiner Balkonzeitalter-Rechnung verbrachte ich ganze 2 Monate im Ausland, was dazu führte, dass ich zwar am Ende des Sommers einen Dschungel an Unkraut vorfand, aber eine kaum nennenswerte Ernte. Allein eine Tomatenpflanze hatte der groben Vernachlässigung getrotzt und trug unzählige leuchtend rote Mini-Früchte. Diese Geschmacksbomben reichte ich bei einem meiner Dinner als deliziösen Zwischengang. Die Tomaten, die es bis zum Herbsteinbruch noch nicht schafften zu erröten, erntete ich grün und gab sie zusammen mit einem Apfel in eine Schüssel in meinen Küchenschrank. Dort reiften sie hervorragend nach.

Im Jahr darauf erweiterte ich auf ein umfangreiches Sortiment an Wildkräutern und Salaten. Unglaublich wie intensiv selbst angebauter Rucola schmecken kann. Ich zog viererlei Basilikumsorten, Sauerampfer, Thymian, Rosmarin, Petersilie, bunten Mangold, Kopfsalat und dreierlei Minze. Ob als Salat, im Smoothie oder als Topping für leichtes Sommergemüse, herrlich. Die nicht winterfesten Kräuter erntete ich ab und trocknete sie, genauso wie meine homegrown Chilischoten. Langsam hatte ich den Dreh raus.

Als ein weiterer Sommer nahte, hatte ich mich bereits im Voraus mit allerhand extravagantem Saatgut eingedeckt. In der Arche Noah Schiltern in Niederösterreich, einer Organisation mit Schaugarten, die sich für den Erhalt alten Saatguts einsetzt. Und bei Rosendals Trädgård – einer idyllischen Gewächshaus-Gärtnerei auf der Stockholmer Djurgården-Insel. Weiße Möhren, orange Minitomaten und gestreifte Bete sollten es werden. Wurden es auch, aber nach wie vor aufgrund begrenzter Ausbreitungsmöglichkeiten eben sehr kleine Mini-Gemüse.

Davon inspirierte veranstaltete ich ein Mini-Dinni, nannte es das kleinste (vegane) Dinner der Welt und kredenzte die Köstlichkeiten meinen mit Lupen ausgestatteten Gästen.

Keine Angst, es gab so viel Kleines, dass am Ende alle satt wurden.

Mal schauen was nächstes Jahr auf meinem Balkon passiert. Es bleibt spannend. Und abgesehen davon, dass das Bepflanzen einem einen unmittelbaren, lehrreichen und leckeren Dialog mit der Natur bietet, ist Gartenarbeit auch ungemein beruhigend für die Nerven.

Selbst wenn so ein Balkon kein riesiger Garten ist, in dem ich lustwandeln kann, wandle ich doch mit den Augen und entdecke jeden Morgen beim gießen neue Wunder: Weißer Lavendel, blühende Kräuter, sich wild ausbreitender Postelein, reife Erdbeeren, sich fortpflanzende Sukkulenten, es ist immer was los…

Und ich liebe es auf dem Balkon zu essen und mir dabei meine Kräuter und Wildsalate direkt in den Mund wachsen zu lassen. Mjam.

Kim Wilde, ihres Zeichens Pop-Sängerin und Sexsymbol der 1980er im Ruhestand, ist mittlerweile passionierte Gärtnerin. Sie sagt heute die Gartenarbeit habe ihr das Leben gerettet und sie geerdet (hihi). Mach es wie Kim, pflanze und ruhe in dir.

Und wenn du fleissig warst, kannst du dieses leckere Rezept genießen (funktioniert auch mit gekauftem Sauerampfer):

Sauerampfer-Kürbiskern-Pesto

25 g frischer Sauerampfer

50 g Kürbiskerne

eine großen geschälte Knoblauchzehe

4 EL Olivenöl

1 EL Kürbiskernöl

1 EL Zitronensaft

Alle Zutaten zu einem sämigen Pesto pürieren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

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