Sophia Hoffmann

Veganes Paradies Tel Aviv – Auf den Tischen tanzen

Als ich relativ spontan beschloß Weihnachten dieses Jahr zu schwänzen und stattdessen nach Tel Aviv zu fliegen (Sorry, Mama, sorry, Papa!), war mir schon klar, dass das eine kulinarisch höchst aufregende Reise werden würde. Veganes Paradies, vegane Metropole… –  meine Erwartungshaltung war schon mal ordentlich hoch. Aber abgesehen davon, dass die Stadt und das Land* mich sehr beeindruckt haben, im Positiven wie im Negativen (Maschinengewehre in der S-Bahn, was für ein Empfang! Ein- und Ausreisekontrollen für alleinreisende Frauen – have fun und bring genügend Zeit mit), hat mich das Essen absolut verliebt gemacht. Ich konnte gar nicht so viel essen wie ich probieren wollte, jeder Post auf Instagram zog neue Empfehlungen von Followern nach sich (Danke dafür!!!) und herausgekommen ist ein sehr persönlicher Guide mit meinen Empfehlungen.

Fotos: Natalie Mayroth, Zakaim Restaurant, meine schäbige Handykamera

Das Tolle an Tel Aviv ist – es gibt überall, wirklich überall vegane Optionen und man wird auch in nicht-veganen Restaurants eigentlich immer sehr freundlich beraten. In einem Land, in dem Hummus, Tahini und Falafel (und dieser leckere Salat aus Gurke, Tomate und Zwiebel) die Nationalgerichte sind (mag ich in allem baden…) ist man schon mal an jeder noch so kleinen Strandbar grundversorgt.

Außerdem gibt es an jeder Ecke Obststände, die Säfte, Smoothies aber auch frisch aufgeschnittene Früchte und manchmal sogar fantastische Açai Bowls anbieten. Auch geil: Frisch gepresster Granatapfelsaft.

Ein guter Ort hierfür ist auch der Carmel Market und hier habe ich eines der besten Gerichte der ganzen Reise genossen. Neben veganen Dim Sums und Tonnen von Oliven und frischen Datteln, gönnte ich mir an einem der unzähligen Streetfood Stände an denen schon Freitag Mittag ordentlich die Luzie abging (dazu später mehr)  eine im ganzen gebratene Aubergine. Dieses über Holzkohle gegrillte Ding wird geöffnet und mit fein geschnittenen Zwiebeln, frischem Koriander, etwas Tahini, fein gehackten Tomaten und einer grünen sauscharfen Chilisoße serviert, man löffelt das dann aus und bekommt bei jedem Bissen einen Food Orgasmus. Ein andermal orderten wir dasselbe Gericht noch mal, leider wurde es dort in Tahini ertränkt, so gut die Sesampaste auch schmeckt, selbst nach mehreren Tauchgängen, konnten wir die Aubergine nicht mehr bergen.

Als wir den Markt verließen war es Freitag Abend, 18 Uhr, der Vorabend zum Sabbat. Wir kamen an der ersten Bar vorbei wo die Leute bereits um diese Uhrzeit sehr ausgelassen auf den Tischen tanzten. Schnell lernten wir: Auf den Tischen tanzen gehört in Tel Aviv zum guten Ton. Wird nur auf dem Boden getanzt, war die Party nicht gut.

Auf die Empfehlung eines Freundes reservierten wir uns einen Tisch im North Abraxas (Lilienblum St 40, Tel Aviv-Yafo, Israel, hat keine HP, einfach vorbeilaufen und einen Tisch reservieren), einem konventionellen Restaurant erster Güte, dessen unkonventioneller und äh leicht verkopfter Küchenchef Eyal Shani megaspannende (und auch zahlreiche vegane) Gerichte zaubert. Nicht billig, aber für Gourmands ein Muss.

Serviert wurden die Speisen direkt auf dem mit Packpapier überzogenen Tisch, gegessen fast ausschliesslich mit den Händen, die sehr lustigen Bedienungen streuen einem noch ein Häufchen Salz auf den Tisch und los geht’s! Es gab einen ganzen Blumenkohl den wir freudig zerpflückten und den Butzen wie einen Apfel abnagten, sich im Mund auflösende Lima Bohnen, einen simplen, aber genial schmeckenden Tomatensalat und das wahrscheinlich pornöseste Avocado Sandwich der Welt. Dickes, krustiges, geröstetes Brot mit dicken Avocado Batzen darauf, Öl, Pfeffer, Salz, fett und herrlich. Dazu dröhnte aus den Boxen für ein gehobenes Lokal unglaublich laute und schrille Popmusik. Justin Bieber, Rihanna und israelische Popmusik, gut gekühlter Sauvignon Blanc und erste Menschen machten Anstalten auf Tischen und Sofas zu tanzen…

Bei Hatool HaYarok – The Green Cat gibt es richtig leckere vegane Pizza. Das Ambiente eines Abraxas findet man dort nicht vor, das Ganze hat eher Imbiss-Charakter, aber die Pizzen sind megalecker und werden mit hausgemachtem Cashew-Mozzarella gebacken. Auch lecker ist dort: das vegane Malabi, eine Art Mandelpudding mit Rosenwasser.

Den kann man wohl auch exzellent bei HaMalabia genießen, da habe ich es leider selbst nicht mehr hingeschafft. Aber diesem Video nach zu schließen, kann man dort wohl auch ganz gut auf den Tischen tanzen!

Neben der grünen Katze befindet sich das Levontin 7, ein ziemlich cooler Indie-Schuppen in dem nationale und internationale Bands auftreten.

Irrsinnig gut gefallen und an zweiter Stelle meiner Favoritenliste ist sicher das Meshek Barzilay – ein lichtdurchflutetes, super gemütliches Lokal mit einer umfangreichen veganen Karte. Dort ging ich hin um mein erstes veganes Shakshouka zu essen, denn auch das ist ein israelisches Frühstücks-Nationalgericht, das dank der Ottolenghi-Kochbücher auch vielfachen Einzug in deutsche Küchen gefunden hat. Statt mit Eiern bekommt man das würzige Gemüsegericht dort mit zerkrümeltem Tofu und weil es wieder mal Brot und Tahini dazu gab, habe ich einfach das Tahini untergerührt, das fand ich noch feiner und schlüssiger als das Tofu, aber lecker wars so oder so. Dazu einen bombastischen Detox Smoothie mit Rote Bete, Sellerie, Karotte, Apfel, Sonnenblumensprossen, Orange und Minzblättern. Und weil ich in meiner Gier unbedingt auch noch einen Nachtisch probieren wollte, gab es einen Pecannuss-Pie mit cremigem Kokossorbet.

Wenn ihr euch jetzt schon fragt, wie es mir gelungen ist nicht ganze 10 Kilo in dieser einen Woche zuzulegen, so lautet die Wahrheit:

Ich bin schrecklich viel gelaufen. Wir wohnten im etwas düsteren South Jaffa (das Neukölln von Tel Aviv) und ins Zentrum waren das etwa 4 Kilometer, an einem Tag bin ich die Strecke (plus Herumstromern im Zentrum) 3 Mal gelaufen, das geht natürlich nur mit ordentlichem Schuhwerk.

Village Green ist auch empfehlenswert. Mehr basic. Am Büffett kann man sich selbst aus den unzähligen Gerichten bunte Schüsseln zusammenstellen. Es gibt Salate, Rohkost, Suppen, Nudelgerichte, Hülsenfrüchte, viel mit Kichererbsen, Gemüse, Eintöpfe, alles solide, simpel und lecker. Besonders empfehlenswert und für mich (da sie auch schon in Berlin hie und da auftaucht, hier sogar ein Rezept) eine klare Prognose für einen Food-Trend 2016:

Hausgemacht Rote-Bete-Limonade – klingt komisch, schmeckt aber megagut!

Das Mezze wurde mir von einem Freund empfohlen, auch dort habe ich es leider nicht selbst hingeschafft, unter anderem weil ich zweimal im Zakaim – Vegan Boutique essen war. Dieses Lokal hat mich am Meisten umgehauen. Ein persisches veganes Restaurant, das nicht nur durch sein schlaues und originelles Nachhaltigkeitskonzept** aus der Reihe tanzt, sondern von drei Geschwistern betrieben wird, die dicke zusammen halten.

Harel Zakaim, der Jüngste der drei ist der Küchenchef und wir verstanden uns gleich prächtig, so dass er mir seine Küche zeigte (und sein Peperoni-Tattoo) und mich neben all seinen Köstlichkeiten auch eine ganz besondere Rarität probieren ließ. Eine für 30 Jahre eingelegte Knoblauchzehe, eine Art Pendant zu hundertjährigen Eiern. Sein Vater hatte 3 Gläser dieser besonderen Spezialität angesetzt und deshalb ist sie auch so wahnsinnig kostbar, dass er nur ganz besonderen Gästen eine ganze Zehe kredenzt. Man isst nur das Innere der rabenschwarzen, säuerlich riechende, sehr intensiven Angelegenheit, das in Etwa die Konsistenz von schwarzer Tapenade hat – aber natürlich ganz anders schmeckt. Erdig, scharf, knobläuchig – sehr interessant.

Das Tolle an Harels Küche ist, dass er keine verarbeiteten Produkte verwendet und sehr innovativ kocht. Etwa bietet er einen veganen Caesar Salad an, der statt mit Parmesan mit ultra-fein geriebenen Walnüssen bestreut ist. Dann gibt es ein Pilz-Shawarma und ein Pilz-Gemüse-Kebab, beides bekommt durch das Holzkohle-Grillen einen geradezu erschreckend “fleischlichen” Charakter. Aus frischem Mais zubereitete, im Mund zartschmelzende Polenta mit einem Schuß hausgemachtem Cashewjoghurt, veganes Khoresht Bademjan, eine Art Eintopf mit Kräuterreis, Süßkartoffel-Avocado-Sashimi, kleine, zu Schnecken gerollte Mini-Apfelstrüdel, sündiges Schokoladenmus und zur Verdauung ein ordentlicher Arrak.

Harel hat mir versprochen nach Berlin zu kommen, dann kochen wir gemeinsam deutsch-persisch-israelische Fusion – WORD!

Auch Hammer: Eis-Sandwiches bei Cookeez, es gibt 2 vegane Cookie-Optionen, Chocolate-Chip und Schokokeks und dieverse vegane Eis-Optionen, u.a. Kokos, Halva, dunkle Schokolade…massiv, wirklich massiv.

Epilog: Ob wir dann im Endeffekt auch noch auf den Tischen getanzt haben, kann ich euch natürlich nicht verraten, denn es fällt unter die Schweigepflicht der internationalen Foodporn-Statuten für gefrässige Köche.

Aber ich sag mal – wir hatten Spaß und ja, ich komme wieder.

*  leider habe ich es nur für einen Tag nach Jerusalem geschafft, aber ich möchte gerne noch mal wiederkommen und mehr (und auch Meer) sehen. Jerusalem ist ein unfassbar spiritueller Ort, der einen nicht kalt lässt. Zu spürbar die unterschwelligen Konflikte der Religionsgruppen an einem Ort jahrtausendealter historischer Stätten, an denen tagtäglich religiöse Rituale gelebt werden. Die Klagemauer, der Felsendom, der Tempelberg…

** alle im Restaurant verwendeten Gegenstände wie Möbel, Geschirr usw. sind soweit wie möglich recycelt/ up-cycled – Blechtöpfe als Klorrollenhalter, Krawatten als Klospülungsschnur, wild gemischtes Geschirr, Tische, Stühle…

In Tel Aviv empfehle ich die architektonische Stadtführung (Bauhaus, Eklektizismus, Historismus), sie ist gratis und beginnt jeden Samstag um 11 Uhr vormittags am Rothschild-Boulevard 46/ Ecke Shadal Street. Fahrräder mieten und am Strand und am Yarkon River entlangradeln macht auch sehr viel Spass!

Fotos (von oben nach unten):

Sophia kurz vorm Foodkoma*veganer Caesar Salad*Cookie Icecream Sandwich* geröstete Tomaten bei Zakaim*vegane Dim Sums*frischer Minztee mit grandiosem Meerblick*die grüne Pizza-Katze*Snacken im Village Green*Rote Bete Limo*klassische Köstlichkeiten wie Falafel,Hummus, Tahini, Fladenbrot* wilder Rosmarin auf dem Tempelberg n Jerusalem* frischer Granatapfelsaft* frische Zutaten im Zakaim*Zakaim von außen* Pecannusskuchen*Im Ganzen gebratene Aubergine*Die hundertjährige Knoblauchzehe von Harel*Zierkohl als Stadtbegrünung*Sophia in hungriger Erwartung und angetrunken nach einem Nachmittagsbier*

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