Sophia Hoffmann

Warum ich es satt habe vegan zu sein!

Schönen guten Tag, mein Name ist Sophia Hoffmann. Ich koche beruflich. Ich schreibe Kochbücher, koche auf Bühnen und vor Kameras und entwickle Rezepte für Firmen und Magazine. Ich organisiere seit 5 Jahren meine eigenen Events, halte Kochkurse und denke mir ganz besondere Geschichten zu meinen Gerichten aus.

Mein Ziel ist es Menschen dafür zu begeistern selbst ein Messer und einen Kochlöffel in die Hand zu nehmen und sich aus frischen Zutaten etwas Leckeres und gleichzeitig Gesundes zuzubereiten. Und wenn sie sich mal verwöhnen lassen wollen, bekoche ich sie natürlich auch gerne.

Soweit so gut. Ein klitzekleines Detail habe ich noch ausgelassen. Ich lebe vegan.

Im Rahmen meiner Möglichkeiten. Bevor ich verhungere esse ich auch mal was Vegetarisches.

Manchmal, wenn ich das Huhn persönlich kenne (“Hallo Vroni!”) , esse ich auch mal ein Ei.

Manchmal konsumiere ich auch etwas wo in irgendeiner Form Tiere drin sind. Sei es eine Zeitschrift mit Schwein im Kleber oder eine Tomatensuppe in einem isländischen Gasthaus in die, obwohl ich nachgefragt habe, ein Sahnehäubchen geraten ist.

Davon geht die Welt nicht unter.

Und ihr seht, ich erkläre mich sofort.

Ich bin so konditioniert.

Und wisst ihr was? Ich habe das so satt.

Meine Gründe soweit möglich auf tierische Produkte zu verzichten sind schnell genannt:

Empathie, Klimaschutz, Gesundheit.

Alles schon mal gehört, alles plausibel.

Ich bin es so MÜDE nur über das Thema VEGAN definiert zu werden. So müde.

Vorallem von außen. Also von Menschen, denen diese Lebens- oder Ernährungsform exotisch, entrückt oder überkandidelt erscheint.

Stell dir das mal vor: Die schreibst zwei echt schöne Kochbücher.

Selbst Leute, die du kennst sagen:

„Ach ja schön, das könnte ich XY schenken, der ist nämlich auch vegan.“

Leute – ich habe diese Bücher FÜR ALLE MENSCHEN GESCHRIEBEN, DIE GERNE KOCHEN (oder einfach nur Kochbücher lesen).

Man darf sie auch als Nicht-Veganer in die Wurstesser-Hand nehmen, die fällt davon nicht ab.

Es könnte sogar sein, dass Nicht-Veganern, ob sie es wollen oder nicht, das Wasser im Munde zusammenläuft und dass sie meine Küchengeschichten, meine Unternehmerinnenporträts, die persönlichen Anekdoten und die wunderschönen Illustrationen sehr gerne mögen und schmunzeln müssen, gar gute Laune davon bekommen. Doch das werden sie leider nie erfahren wenn die das große “V” auf dem Titel als unüberwindbaren roten Buchstaben empfinden. Schade.

Meine kulinarische Handschrift schlichtweg nur als VEGAN zu beschreiben ist öde und einfallslos. Ich koche gerne einem Mix aus regionalen/saisonalen Zutaten kombiniert mit dem, was ich von meinen unzähligen Reisen mitbringe und was mich in meiner kulturell vielfältigen Berliner Umgebung prägt. Das sind Salze aus Island, Meeresalgen aus Irland, Gewürze aus Weißrussland und weißer Mais aus Portugal. Spreewaldgurken kombiniere ich mit in Neukölln gebackenem Tandoori-Ofen-Brot, großen Löwenzahnblättern und frischen Bohnen vom kurdischen Gemüsehändler, die man wie Shrimps puhlen kann. Ich knöpfe mir Rotkohl vor und verwandle ihn in neue Gerichte: Cremesüppchen, Pesto, lila Brot. Ich melke Mandeln und Sonnenblumenkerne, pflücke wilde Rauke und frittiere Holunderblüten wie es meine Großmutter schon getan hat.

Am Besten gefallen mir Gerichte ohne Schischi, ich bewundere die Plating-Künste der Fine Dining-Köche, finde es jedoch gleichzeitig auch sehr langweilig wenn alle nur voneinander abschauen und glauben ein Soßenstrich oder ein weiteres Schäumchen würde ihre Individualität unterstreichen. Ich mag es wenn die Zutaten ihren deutlichen Eigengeschmack behalten und ich es schaffe diesen mit Hilfe von der richtigen Zubereitung, Würze und Kombination hervorzuheben.

Wenn ich mir etwas ausdenke, versuche ich originell zu sein. Weil mir das Spass macht und leicht fällt. Das ist meine kreative Sprache.

Früher habe ich gezeichnet, gesungen, Events organisiert, geschrieben und aufgelegt – heute koche ich und schreibe bzw. rede darüber. That’s entertainment!

Egal ob ich dem verstorbenen David Bowie ein Menü widme, dessen Gerichte von seinen musikalischen Schaffensperioden inspiriert sind, meine Gäste vorsätzlich mit Händen essen lasse oder sie zwinge sich zwischen Detox und Dessert zu entscheiden, die spielerische, kreative Komponente ist das, was mich interessiert.

Klar ist meine Basis pflanzlich, aber ich muss doch nicht dauernd darüber reden.

Es ist schwierig. Klar, wenn mich jemand fragt, erkläre ich dass ich Massentierhaltung komplett unethisch finde und mir Klimaschutz am Herzen liegt, aber das ist nicht das, was meine Arbeit ausmacht.

Ich spiele mit Essen.

Wenn du vegan kochst erwarten die Leute automatisch von dir, dass du auch gleichzeitig Ernährungswissenschaftlerin bist und alle Nährwerte der von dir zubereiteten Gerichte runterbeten kannst. Wer erwartet das von einem konventionellen Koch?

Es herrscht dieser absurde, hartnäckige Irrglaube, dass alle Pflanzenfresser permanent an Mangelversorgung leiden, zum Frühstück schon Vitamin B12 substituieren müssen und heimlich Fischöl gurgeln um nicht gleich tot umzufallen. Totaler Quatsch. Wer sich größtenteils ausgewogen gesund und mit frischen Zutaten ernährt, bekommt so schnell keinen schlimmen Mängel. Menschen, die viel Fleisch und Milch konsumieren, gefährden ihre Gesundheit viel doller. Warum kann ich dir jetzt auch ncht detailliert erklären, muss ich auch nicht, frag doch einen Experten!

Ich gehe regelmäßig zu meinem Hausarzt und zwinge ihn meine Blutwerte zu überprüfen, damit ich es schwarz auf weiß habe, dass ich mängelfrei bin, er findet das verrückt, schließlich komme ich sonst fast nie – das ist für ihn genug Beweis meiner Gesundheit.

Ich bin emotionale Köchin.

Ich liebe Gewürze, Gerüche, Texturen, marktfrische Gemüse, Kräuter…

Nährwerte interessieren mich einen Scheißdreck. Brauche ich nicht. Ich lasse mich von meinem Bauchgefühl leiten. Und das bringt mich dazu lieber zum Apfel zu greifen und zum Linsencurry als zum BigMäc.

Ich habe es so satt dauernd erklären zu müssen, dass ich weder verrückt bin noch infrage stellen lassen zu müssen, dass das was ich koche überhaupt schmeckt.

Noch viel schlimmer – Stichwort mediale Präsenz:

Ich werde mit Menschen in einen Topf geworfen, die vor allem durch sexistische, politisch fragwürdige oder einfach vollkommen ignorante Kommentare auffallen, ihr Geld in schnelle Autos investieren und stolz Fotos von sich mit Schußwaffen posten.

Und alles nur weil ich auch vegan bin.

Der einzige gemeinsame Nenner.

Buh.

Natürlich ist mir bewusst, dass Veganismus auch ein großes Trendthema war in den letzten Jahren und dass sich mir manche Türen auch deshalb geöffnet haben mögen, weil ich ein charmantes Gesicht zu diesem Thema bin. Aber die Kehrseite dieser Tatsache ist, dass ich die Hälfte der Zeit damit verbringe mich zu rechtfertigen und mir den Weg in Mainstream-Medien enorm erschwert, weil „zu nischig“, „zu speziell“, „das schreckt unsere Leser/ Zuschauer ab“…

Vor einer Weile bemühte sich eine große Fernsehshow mich to casten, man wollte unbedingt eine vegane Köchin. Ich sagte 5Mal NEIN, weil ich wusste: Ich werde da nur verbraten, ich darf mich öffentlich zum Idioten machen, darf die „Quoten-Veganerin“ spielen. Ich habe keine reelle Chance in dieser Competition. Es hat dann ein anderer bekannter veganer Koch gemacht, so richtug gut lief das glaube ich nicht…

Im deutschen Fernsehen sind fast alle Kochformate auch Wettkampfformate.

„Grill den…“

„Schlag den…“

Nö, danke, keine Lust.

Ich will weder jemanden grillen noch schlagen, wir haben genug Gewalt und Scheiße in dieser Welt. Ich will glückliche Babyschweine, mit anderen gemeinsam etwas Geiles kochen, Gemeinsamkeiten und keine Anfeindungen – ich bin der kitchen fights zu MÜDE.

Wer noch?

In der amerikanischen Dokumentation Miss Representation heisst es “Die meisten Fernsehformate werden für Männer zwischen 18 – 35 entwickelt, man geht davon aus, dass Frauen sowieso fernsehen…”.

Lasst diesen Satz mal sacken und denkt mal über das nach was hier so hauptsächlich läuft!

Wir müssen aufhören in Schubladen zu denken, egal ob “vegan” oder “omni”, wir brauchen Paradigmenwechsel, egal ob in der Gastronomie, in der Arbeitswelt allgemein, in der Unterhaltungsindustrie oder in den grundeigenen Gesellschaftsmodellen, die wir im Kopf haben. Schönheitsideale, Rollenbilder, stereotype Vorstellungen davon wie eine Gesellschaft zu funktionieren hat, sind überholt und die gute Nachricht lautet:

Wir können etwas verändern. Es ist ganz einfach. Jemand muss anfangen, dann müssen mehrere mitmachen und sich einfach mal trauen.

Auch mal zu sagen: Och ne, ich will nicht schon wieder darüber reden warum ich vegan bin, warum ich trotzdem immer noch lebe und wieso du deshalb keine Angst vor mir haben musst!

Mach ich beim nächsten Mal.

Aber jetzt geh ich erstmal was frühstücken – was ich essen werde? Top Secret.

Header Foto: IHeartBerlin

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